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22.07.-01.07.2025, Kreuz und Quer durch die Alpen

Durch die Alpen zu radeln gilt ja als großes Erlebnis, also wollte ich das auch mal probieren. Fazit: Coole Panoramen, tolle Strecken nur der Autoverkehr auf den Pässen nervt unsäglich und die Via Claudia Augusta ist ja ganz nett, stellenweise aber auch einfach nur scheiße.

Tag 1, Sonntag

Wie war der Spruch, "Der Bock ist bereit und das Rad ist es auch"? 😁


Naja, bereit und bereit. Was habe ich heute morgen geschwitzt (auch wegen des Wetters) bis ich den ganzen Scheiß verstaut hatte. Es geht ja diesmal in die Alpen, alleine, über 3 Pässe und da habe ich mir gedacht, ich mache mal einen auf "Bickpacking" um Gewicht zu sparen. Vorne meine selbstgenähten Aero-Lowrider, am Oberrohr eine Tasche oben und unten und hinten nur noch eine Arschrakete. Der Probelauf am Mittwoch mit den großen Teilen sah vielversprechend aus, aber dann kam doch noch viel Kleinkram dazu. Jetzt sind alle Taschen voll also man könnte sagen optimal, aber ich habe keinen Raum für Fourage, werde also die kommenden 9 Tage von der Hand in den Mund leben.

Dafür ist der Wurstwagen "leicht" und agil, zumindest bilde ich mir das ein. Gewogen wird aber erst nach der Tour, die Einbildung fährt mit und soll nicht von der Realität zerstört werden. 😁

Was ist sonst neu? Im Gegensatz zu mir habe ich das Rad um 2 kg abgespeckt, indem ich Lenkertasche, Schutzbleche und Gepäckträger abnahm. Im Herbst konnte ich einen gebrauchten, aber tadellosen (und geruchsfreien!) Daunenschlafsack für 250 EUR ergattern, was das Volumen halbiert und das Gewicht von 1,4 auf 0,8 kg reduziert und auch beim Zelt habe ich endlich mein Wunschzelt gefunden: Ein Hilleberg Akto. Nicht das Leichteste, aber schon 500 g leichter als das Alte, mega robust und einfach Qualität vom Feinsten.

Bei mir selber hat das mit der Gewichtseinsparung nicht so gut geklappt und ich bin für meinen Geschmack 6 kg zu schwer. Das werde ich sicherlich noch verfluchen (wie an jeder Steigung), aber hey, das wird schon. Ich habe einfach einen mords Respekt vor den Pässen und will es ruhig angehen. Hinzu kommt, dass die Prognose für die Südalpen bis 35⁰C ansagt, was mir ehrlich gesagt auch ein bisschen Angst macht. Bei den Temperaturen Steigungen hoch knüppeln, ich hoffe mal, dass sich diese Tour nicht als gescheitertes Experiment entpuppt...

Heute war auf jeden Fall das richtige Wetter um ins eiskalte Wasser... ähhhh, also in die heiße Hölle zu springen. 33⁰C sagte mein Garmin zwischendurch!

Die Kinder waren am Strand, Steffi auf der Heimreise und so gab es nach dem Packen keinen Grund mehr, zu Hause herum zu hängen. Mit dem RE bin ich schick klimatisiert nach Elmshorn gefahren und dann von dort nach HH geradelt, in etwa auf den Spuren der heutigen Sternfahrt, die mir allerdings zu langsam fuhr.

Eigentlich ist die Strecke ganz schön, aber die Käffer entlang der Strecke, also Elmshorn, Tornesch, Pinneberg usw. sind radinfrastrukturell wirklich absolute Armut. Da haben wir es in Flensburg doch wirklich gut.

Mein Freund Andreas wohnt in der Nähe des Elbtunnels und wir verziehen uns ins kühle Haus und schnacken bei Tee, bis es Zeit wird, die Elbchaussee zum Hbf zu radel um Steffi auf der Heimreise abzuklatschen. Am Ende haben wir 1,5 h, denn ihr RE nach Flensburg fällt aus. Danach setze ich mich bei der Kunsthalle auf eine Bank und tippe diese Zeilen. Um 20:10 geht mein Nachtzug nach Augsburg, wo ich morgen die erste, echte Etappe nach Füssen radel. Jetzt beginnt es zu regnen, also over and out!

Track.

Tag 2, Montag

Ich habe so einen modernen Nachtzug mit Schlaf-Cocon. Verstaue den Wurstwagen und bekomme auf Anhieb alles sortiert, habe also alles im Cocon, was ich brauche. Rolltürchen zu, umziehen und dann noch schnell Zähneputzen. Hier ist echt alles so richtig cool, nur beim Ausspucken geht's wegen der tausend Sensoren Schief: Ich komme irgendwie unter den Sensor des Desinfektionsmittels und die Pumpe füllt mein linkes Auge. Autsch.


Stellplätze im Schlafwagen

Ansonsten schlafe ich quasi durch und um halb sechs weckt mich der Schaffner mit dem Frühstück, wir sind fast pünktlich und in einer Stunde da. Als ich alles am Rad verstaue wird es plötzlich richtig laut im Zug. Draußen geht ein irres Gewitter nieder, es tobt als ich aussteige, aber nach 10 min ist der Spuk vorbei. Tolles Timing und entspannt radel ich über regennasse Straßen hinaus aus Augsburg durch tolle Wälder und Felder.

Nach 20 km gönne ich mir bei einem Becker eine Quarktasche zum 2. Frühstück, danach wird es öde: Weite, flache Felder, man könnte sich auch im Rheinland wähnen. Die Schilder der Via Claudia Augusta habe ich inzwischen gefunden und folge ihr, immer rechts und links der Bundesstrasse durch die Felder. Dazu auffrischender SW4-5 und brennende Hitze. Dafür noch keine Steigungen und ich radel entspannt dahin. Andere Radwanderer sehe ich selten und überhole sie meistens. Es sind alles Rentner, meist auf Ebikes mit dicken Taschen hintendrauf. Keine Chance gegen meine tollen Aero-Lowrider. 😁


Die Via Claudia Augusta ist hier (im Gegensatz zu Italien) gut ausgeschildert.

Der Wind dreht mehr und mehr nach Westen und auf einem kurzen Ostschenkel rollt es plötzlich mit knapp 40. Aber heiß wird es ohne Fahrtwind! Das setzt mir echt zu und ich gewöhne mir an, alle 5 km 5 Schlucke zu trinken. Und trotzdem pinkel ich heute vielleicht nur 2x, das restliche Wasser wird ausgeschwitzt.

Mein neues Cycle2Charge scheint tolle Dienste zu leisten. Das ist so ein kleiner Pilz auf dem Aheadvorbau mit einer USB Buchse. Pro Kilometer lädt es mein Handy um 1%, das ist toll. Danach ist die Powerbank dran, so komme ich energetisch über die Runden.

Es geht den Lech entlang und konstant ganz leicht bergauf. Kommt man dem Fluss näher, geht es über eine richtige, etwa 30 m tiefe Bruchkante ins Flusstal hinab. Da hat der Lech einen richtig kleinen Canyon gegraben.

Ich war heute eigentlich scharf auf einen Käse-Wurst-Salat, so mit Essig und Öl, aber die Wirtschaften haben montags Ruhetag. An einem Edeka kaufe ich mir was zu essen und mache im Schatten Brotzeit. Da ist es erstaunlich gut auszuhalten.

Als ich die Alpen das erste Mal schemenhaft im Dunst sehe ist das schon ein tolles Gefühl und hebt die Stimmung. Es wird auch langsam hügeliger und kurz nördlich des Forgensees kommt schon Alm-Feeling auf mit alten Scheunen und akkurat gemähten Wiesen. Dazwischen immer wieder Waldstücke. Und trotz der Steigungen läuft es prima, auch die immer deutlicher zutage tretenden Alpen motivieren.


Die Alpen kömmen näher und es wird hügelig.

An den Alpen brauen sich wiederholt dicke Gewitterzellen zusammen. Bisher ziehen sie vor mir durch, aber als ich Füssen erreiche ist klar, dass hier gleich so ein Ding einfällt. In der Innenstadt habe ich gerade mein Rad regenfest gemacht und angeschlossen, da braust es plötzlich in der Luft. Ich haste die 10 Schritte ins Brauhaus und stehe wirklich gerade im Türrahmen, da bricht ein richtiges Inferno los. Extremer Regen und Sturmböen, die alle Schirme die Strasse runter schicken.

Das ganze wettere ich bei Käsespätzle und einem 0,5er Radler (alkfrei) ab und als ich wieder zum Rad gehe, ist die Strasse schon wieder trocken, Wahnsinn!

Beim Essen habe ich die Zeltplätze abgecheckt und irgendwie sieht das nicht gut aus. Sie scheinen alle voll zu sein, man kann nichts buchen! Ich setze alles auf eine Karte und radel nochmal 20 km weiter zum Heiterwanger See. Dabei bekomme ich schonmal einen Vorgeschmack für was mich morgen erwartet: Der Radweg geht abseits der Strasse über einen gerölligen Schotterweg und der geht auf 16% Steigung... Da bekomme ich glatt Vogesen-Vibes, steige ab und schiebe diese extremen Abschnitte.

Als mich weiter oben zwei dicke Ebikes überholen, verliere ich kurz die Contenance, aber einmal oben rennt es wieder.

Am Zeltplatz am See bekomme ich sage und schreibe den letzten Platz. Die Frau an der Rezeption weiß auch nicht wieso, aber dieses Jahr ist es wohl extrem voll. Das kann also noch lustig werden und dabei weiss ich noch gar nicht, was ich morgen abdrücken darf...

Immer wieder ziehen Schauer über den Platz, aber es ist warm und macht nichts. Ich hoffe, dass meine gewaschenen Klamotten bis morgen trocknen, die waren restlos durchgeschwitzt.


Der angeblich letzte Platz auf der Zeltwiese.
Track.

Tag 3, Dienstag

Um 5:00 weckt mich das Gebimmel der Kuhglocken. Das höre ich auch unterwegs immer wieder, sind die Kühe eigentlichalle taub? Um 6:30 ist einfach nichts mehr mit Schlafen, ich stehe auf, packe ein und checke aus. 30 EUR/Nacht für eine Dackelgarage, ganz schön saftig.


Ganz schön kühl in den klammen Klamotten...

Die Sonne scheint erst spät ins Tal, das muss ich erstmal lernen. Dafür ist es schön kühl, während ich abseits der Straße gemächlich bei sanfter Steigung das Tal zum Fernpass hoch kurbel. Ich finde es immer spannend zu rätseln, durch welches Tal man fahren wird, wenn man vor sich das Panorama sieht und die Berge sind wirklich majestätisch.


Tolle Ausblicke und es wird warm.

Der Fernpass entpuppt sich als hartes Geknüppel über wirklich lose Schotterpisten geht es steil in Serpentinen aufwärts. Einmal muss ich schieben, ansonsten meistere ich die bis zu 16% steilen Anstiege. Der einzige Mensch den ich treffe ist ein 82jähriger Opa, der dieselbe Strecke mit seinem MTB (ohne E!) hoch schnauft. Wir erholen uns bei einem kurze Schwatz.


Scheiß Steigung, scheiß Oberfläche.

Die Aussicht vom höchsten Punkt Richtung Süden ist grandios, aber dann geht's auf ebenso steilen und beschissenen Wegen bergab. Das ist mehr MTB als Reiserad-Revier.


Oben auf'm Fernpaß, 1.260 m.

Von kurzen, steilen Steigungen abgesehen geht es den Rest des Tages am Inn entlang. Mal tolle Gravelwege durch Wälder, Asphaltwege über Wiesen usw. Es wird wieder gut heiß und ich saufe wie ein Loch. Mittags gibt's in Landeck endlich diesen geilen, süddeutschen Wurst-Salat mit Essig und Öl und einen alkfreien Radler. Ach ja, und ich kaufe mir eine normale Unterhose, die hatte ich vergessen. 😁


Immer schön am Inn entlang.

Gegen 18:00 komme ich nach 120 km an der Martina an und ich beschließe, dass ich jetzt gut eingefahren bin um sie noch anzugehen. Die Martina ist die Alternative zur Hauptstraße hoch zum Reschenpass. 460 m Steigen, angeblich im Schnitt 6%, aber das ist bis zum Reschenpass gerechnet, die 11 (?) Serpentinen nach Nauders haben meist 10%.


Kurz vor'm Anstieg zum Reschenpass, Altfinstermünz.

Ich kann die recht gut kurbeln, aber es zieht sich wirklich, weil es kein Stück zum Entspannen gibt. Vermutlich kubele ich 1 h, entwickle dabei wüste Fantasien nach süßem Schokomüsli mit frischer Milch so dass ich oben in Nauders zielstrebig im Supermarkt einkaufe und drei Portionen FRESSE! 😁

Danach kurbele ich glücklich und müde zum Minizeltplatz kurz vor der Italienischen Grenze und Bodo, der coolste Platzwart gibt mir ein Plätzchen. Ich bin gut geschafft, wieder 130 km und 1942 Höhenmeter. Morgen muss ich es mal ruhiger angehen.

Track.

Tag 4, Mittwoch

Um 5 wache ich wie immer auf, lese noch was Nachrichten, da ploppt eine SMS auf, mein 1 GB Auslands-Datenvolumen sei aufgebraucht und damit gehen datenmäßig die Lichter aus. Ich verstehe gar nichts, kann aber auch nichts recherchieren, ich bin einfach offline.

Das ist aber erstmal egal, denn jetzt kommt ein Stück, was seines Gleichen sucht. Erst am Reschensee entlang und dann geht ab dem Haidersee die Post ab. Ein gut 2 m breiter, perfekt asphaltierter Weg, der sich in Bögen das Tal hinab schwingt. Man tritt kaum rein und das Blut läuft über vor Glückshormonen. Dazwischen tolle Ausblicke ins Tal und dabei rennt und rennt das, abseits von jeglichem Autoverkehr.


Am Haidersee entlang.

An der Etsch nimmt das Gefälle ab und der Weg folgt dem brausenden Bach, der stetig größer wird. Es geht aber immer noch so leicht bergab, dass man ganz entspannt mit 25 dahin rollt. Und der Radverkehr nimmt zu, es ist eine wahre Fahrradautobahn, alle folgen dem Schildchen "Meran".

In Prad am Stilfserjoch frühstücke ich. Hier sind verdammt viele Rennradler unterwegs, vermutlich ist der Stelvio so eine Art Mekka der Rennradler. Ich bin aber ganz froh, nicht schon wieder klettern zu müssen und genieße es, über Stunden an der Etsch entlang zu radeln.


Heute gibt es nur eine Richtung: Bergab!

Es fällt auf, dass die hier wie blöde ihre Apfelplantagen und Wiesen bewässern. Manchmal wird man dabei geduscht, eine willkommene Abkühlung, denn es ist wieder richtig heiß. Darum passt es super, dass die Radlerbar auftaucht. Eine große Spezi und ein Apfelstrudel mit Eis, wie pervers kann es sein?

Die Bergkulisse links und rechts ist der Wahnsinn. Keine Ahnung wie hoch sie Berge sind, aber es ist verdammt hoch. Vor Meran kommt nochmal eine Stufe in die Tiefe. Die Etsch verabschiedet sich in eine wüste Stromschnelle und die Radler werden über eine megageile Serpentine durch's Grüne mit Rastplätzen mit Lauben in den Kehren, hinab geführt. Radinfrastruktur können die hier 100%.


Meran, Schnittstelle zwischen mediteran und Alpen.

Ich radel ins Zentrum von Meran und gönne mir einen Teller Linguine mit Pesto und Feta. Echt lecker, aber ich muss mich bei dieser Hitze auch zum Essen zwingen. Die zwei 0,5er Apfelschorle laufen dagegen von selber runter.

Von Meran nach Bozen sind 30 karte Kilometer. Wir haben inzwischen 35⁰C und ohne Schatten geht es auf dem Deich der begradigten Etsch gegen den Südwind. Links eine "Einöde" aus Apfelplantagen, so als müsste der geile Vormittag kompensiert werden.

Als ich merke, wie mir die Hitze zusetzt mache ich an einem Rastplatz im Schatten eines Baumes halt und poofe eine halbe Stunde, bis ein ebenfalls Schatten suchendes Rentnerpärchen sich zu mir gesellt. Wir schnacken kurz, dann packe ich mir Led Zeppelin auf's Ohr und fahre weiter. Einfach jegliche Empfindung ausschalten und treten. Bei "Dazed and Confused" fühle ich mich bestätigt, "Whole lotta love" spornt mich cool an.


Martyrium bei 38°C und 6 Bft Gegenwind.

So schaffe ich es nach Bozen und überlege noch kurz, ob ich dieses Glutnest ignorieren soll. Aber ich bin alle, steuere einen Radladen an, der für zwei Paar Noname Bremsbeläge 28 EUR verlangt und trinke in Andreas Cafe nebenan zwei kühle Colas und esse ein Plunderteilchen.

Ich breche zu den letzten 20 km auf, immer an der Etsch lang, die langsam ein ernstzunehmender Fluss wird. Mein Ziel ist der Campingplatz am Kalterer See. Da die Strecke nicht wirklich spannend ist und mir inzwischen 5 Bft Gegenwind auf die Nase stehen zieht es sich. Als ich ankomme tropfe ich alles voll, der Schweiss läuft und läuft. Auch nach dem Duschen wird es kaum besser aber zum Glück fällt der Schatten der Berge nach kurzer Zeit auf alles und es wird besser.

Track.

Tag 5, Donnerstag

Was für eine bescheidene Nacht. Der Verkehr auf der Straße direkt hinter der Wand meines Zeltplatzes rauscht offenbar 24/7 und es ist so unendlich heiß. Schließe ich das Innenzelt, verwandelt sich mein Akto in eine Minisauna, lasse ich es offen konmt die ein oder andere stechende Besucherin herein. Davon gibt es aber zum Glück nicht viele, also bleibt es offen.

Um 5 werde ich wie immer wach, um 7:00 mache ich mich auf den Weg. Die Zeltplätze rechnen immer erst beim Auschecken ab, muss mal abends zahlen, damit ich morgens früh los kann.


Durch's Pinot Grigio Gebiet.

Ich beginne auf der Westseite des weiten Tals mit der Weinstrasse. Das ist im Grunde schöner als die Talmitte, aber es geht auch laufend auf und ab. Ich merke, dass ich es die letzten Tage etwas übertrieben habe, dazu die Hitze (bis 37⁰C) des Tages, die scheiß Nacht, das Radeln fällt mir heute nicht wirklich leicht. Das kommt erst nach 20 km, als mich meine Route zurück zur Etsch führt. Hier läuft es eben auf dem Deich und ja, da läuft es richtig gut.

Ich hau' mir Westernhagen auf's Ohr. "Ich trink' lieber Bier, wegen meim' Magen", na, welches Lied? Ich gröhle laut mit, da ich eigentlich nur andere überhole und wenn dann nur mal ein Rennrad an mir lang zieht. Irgendwann schiebt sich aber ein Gravelbike langsam an mir vorbei. Der junge Dude grinst breit, dann noch einer und noch einer. Es sind drei Studenten mit leichtem Gepäck (nur Arschraketen) und sie haben schon eine Weile in meinem Windschatten verbracht. Jetzt solle ich mal bei ihnen mitfahren. Das ist saucool und so machen wir zu viert richtig Strecke, bis ich zur Pinkelpause "austreten" muss.

So läuft das ganz witzig auf diesen Strecken, manche Radler sieht man auch mehrfach, so wie einen Deutschen mit Gravelbike und Gepäckträgertaschen. Als wir uns an einem Café zum dritten Mal wiedersehen, setze ich mich zu ihm und wir schnacken. Er fährt genau meine Route, ist einen Tag früher gestartet und übernachtet in Hotels (unauffällig stecke ich mir einen Euro in's Ego-Schweinderl).

Den Fernpass fand er auch eine Zumutung, die Abfahrt vom Reschenpass bis Meran dagegen eine Wucht. Wie ich auch, ist er gestern auf dem Stück Meran/Bozen derb abgekackt, hat dann aber den Fehler gemacht, mitten im Glutofen Bozen zu übernachten. Das war wohl genau so beschissen wie meine Zeltplatznacht. Heute will er mit Riva das Ziel seiner Reise erreichen, sein Arsch täte ihm weh und es sei ihm zu heiß. Das mit der Hitze kann ich nachvollziehen, meinem Hintern geht es dagegen wirklich blendend.


Jetzt sind wir mediteran: Trient.

Ab Trient ist man deutlich im Mediteranen angekommen. Viele Zypressen und alte Architektur, echt schick und mondän. In einem Café gibts Carpaccio, was richtig lecker schmeckt, aber die Vorspeise reicht mir dann auch, ich habe bei der Hitze einfach nicht viel Hunger.

Bei Mori biege ich rechts ab und mache den Hopser rüber zum Gardasee. Nochmal 100 m klettern, aber in mehr oder weniger steilen Abschnitten, dazwischen geht es wieder durch Weinstöcke. Keine Ahnung, ob die hier so eine Scheisse spritzen (sehe viele, kleine Spritzentrecker), aber die Weinstöcke stinken alle mehr oder weniger intensiv nach Schwefelwasserstoff.

Nach dem Pass liegt plötzlich der Gardasee tief unter mir. Das ist schon ein beeindruckendes Panorama. Dieser riesen See, eingerahmt von senkrechten Felswänden und auf dem Wasser wimmelt es von Segelfahrzeugen. Ein irres Getümmel.

Es geht 200 m mit 10% quasi schnurgerade runter, dann stehe ich in Riva am Ufer des türkisfarbenen Wassers und die Wellen klatschen zu meinen Füßen an die Kaimauer. Ich lasse mich auf eine Bank fallen und lasse alles einfach mal 15 min auf mich wirken.


Torbole an der Nordspitze des Gardasees.

Nach einem Eis (mehr als 2 Kugeln lohnen nicht, schmilzt zu schnell) mache ich mich etwas schwerfällig auf die Uferstrasse auf der Ostseite. Es herrscht mittelmäßig viel Verkehr, überholt wird mal enger mal weiter, aber man scheint Rücksicht zu nehmen. In den Tunneln greife ich ans Sattelrohr und knippse mein Rücklicht an. Das klappt ganz gut, ich hätte aber auch das Vorderlicht anmachen sollen, denn ich erschrecke mich tierisch, als mir in so einem Tunnel ein Fußgänger begegnet! Die latschen hier wirklich in aller Seelenruhe durch die Tunnel!

Als die Strasse wieder zum See herab führt, wird man als Radler auf die Promenade geleitet. Das ist völlig irre, ein 2 m breiter Betonpfad auf Wasserhöhe, mit Badenden, Hotelgästen und dem ganzen Trubel und man darf mitten durch radeln!

Nach einem Badehalt fühle ich mich nicht sonderlich erfrischt. Das Wasser ist echt warm und kaum ist man wieder angezogen, rinnt der Schweiss wieder. Der Wind bläst mir inzwischen mit guten 6 Bft entgegen und auf dem Wasser sieht man nur noch Motten flitzen. Ich bin richtig müde und haue mich im Schatten eines Baumes eine Stunde auf's Ohr.


Ja, hier darf man tatsächlich auf der Promenade radeln!

Danach sind es noch 16 km zu einem Supermarkt und nochmal 4 zu einem Campingplatz. Gut so, ich mag einfach nicht mehr. Unterwegs plötzlich ein endloser Stau, dann offenbar ein fieser Motorradunfall, ein Hubschrauber ist im Anflug, als ich mich dran vorbei drücke. Was auffällt sind die vielen Helfer, die schon zugange sind. Der Motorradfahrer liegt eingeklemmt unter dem Motorrad, das unter einem Auto steckt, das sieht fies aus.

Der Zeltplatz ist ein runder Abschluss. Ich bin das einzige Zelt auf einer hohen Terrasse, das Zelt steht im Schatten eines Baumes und der Wind fächelt durch alles hindurch. Und die Zikaden ritsch-ratschen wie blöde, hoffentlich gehen die mal irgendwann ins Bett.

Ach ja, kleine Überraschung beim Klo: Diese französischen Dinger mit Loch im Boden. "Na da musst Du jetzt durch", denke ich mir, seile alles ab und dann schwant mir übles: Wieso hängt da ein Duschkopf und wieso ist nirgendwo Klopapier zu finden??? Wie soll das gehen??? Alles abspühlen, okay, aber dann stehst Du da mit nassem Mors?! Zum Glück habe ich die Badehose an (schwimmen statt duschen), aber wie soll das sonst gehen???

Track.

Tag 6, Freitag

Ein sehr durchwachsener und anstrengender Tag. Hier, südlich der Alpen steigt das Thermometer auf 38⁰C und das macht mich echt fertig. Aber von vorne:

In der Nacht schrecke ich auf, weil Sturmböen am Zelt rütteln. Ich erwarte ein Gewitter, doch es ist nur der thermische Wind, der sich nachts umkehrt und nach Süden pustet. Das ist echt angenehm und ich schlafe gut.

Am Morgen radel ich um 7 los und habe den Wind im Rücken. Ich folge der Straße, da ich dann besser voran komme, aber der zunehmende Verkehr nervt. Die Italiener überholen zwar zügig, aber der Abstand schwankt stark.


Die Rettung bei 6 l Trinken pro Tag: Öffentliche Trinkwasserbrunnen.

Durch Peschiera del Garda im Südosten des Sees wechsel ich auf den Radweg, aber der ist bescheiden und mir fällt auf, dass ihn niemand nutzt. Irgendwann zeige auch ich den Gullis, Umlaufperren und Schlaglöchern den Mittelfinger und wechsel auf die Strasse.

In Lido di Lonato verlasse ich das Ufer, nachdem ich an einem Trinkeasserbrunnen meine Flaschen aufgefüllt habe. Über den gesamten Tag werden sie mich noch retten.

Jetzt geht es ins Binnenland und ich bin sehr gespannt. Die ersten 20 km begeistern mich mit tollen Wirtschaftswegen. Vor Brescia wird es dann aber ätzend und ich radel über dicht befahrene Bundesstraßen.

Die Stadt hat ein schickes Zentrum, aber bei der Hitze habe ich lieber Fahrtwind.

Es folgen wieder 20 km Wirtschaftswege, teils Asphalt, teils Gravel, von gut bis schlecht und dann wieder Bundesstrasse.

Irgendwann wird ein Problem deutlich: Es gibt hier keine Campingplätze. Also suche ich mir ein Hotel und zwar eins mit Klimaanlage. Dazu Glotze, Wlan und alles, was man braucht. Ein herrlicher Kontrast und morgen fresse ich denen das Buffet weg, jawoll!

Track.

Tag 7

Gestern war ich kurz angebunden, weil ich einfach fertig war und nichts mehr ging. Dafür habe ich gut geschlafen, bei regulierten 22⁰C. Auch das Buffet erfüllte eigentlich jeden Wunsch, aber ich habe irgendwie nicht viel hunger und muss mich zwingen, zu stopfen.

Beim Packen dann eine unerfreuliche Überraschung: Penatencreme scheint irgendwo über 35⁰C flüssig zu werden und dann hält sie nichts mehr in der Dose. Hose, Unterhose, T-Shirt, alles ist eingesaut. Scheisse.

Durch den erwachenden Verkehr suche ich mir um 7:30 den Weg aus Bergamo. Auch wenn mich der stetige Strom von Autos gestern nervte (Autofahren ist wirklich Egoismus auf Kosten derer, die nicht im Auto sitzen), die Italiener haben eine angenehme Art des Miteinanders im Verkehr. Diese Aggressivität und das Draufhalten des deutschen Verkehrs fehlt völlig und als Radfahrer und Fußgänger wird man gerne vorgelassen. Alles fließt entspannt vor sich hin.

Nach einem leichten Anstieg geht es lange bergab. Zwar auf einer dicht befahrenen Bundesstrasse, aber mit 40 rolle ich entspannt mit. Dazu Schatten und eine kühle Brise aus den Alpen, reinster Genuss.

Am Südzipfel des Comer Sees biege ich rechts ab und folge dem Ufer. Erst auf der Strasse, die aber irgendwann wie eine Autobahn wirkt. In einem günstigen Moment wechsle ich ganz nach links und hebe den Bock über die 1 m hohe Betonbrüstung auf den Rad/Gehweg. Da komme ich prima drauf voran, bis, bis die Promenade endet und es wirklich keine andere Option gibt, als über eine Auffahrt auf die inzwischen wirklich sehr autobahnmäßige Strasse zu wechseln. Ich kann mir das nicht vorstellen, aber dann passiert mich ein Grüppchen Rennradler und ja, die fahren wirklich auf die "Autobahn". Ich finde das alles ganz schön sub-optimal und gebe Gas, so gut es geht. Nach 1-2 Kilometern kommt dann tatsächlich ein Autobahnschild, hääää? 50 m danach der Hinweis, das Radler jetzt bitte die Ausfahrt nehmen sollten, die in einen Tunnel führt, der die Autobahn quert und nach Abbadia Lariana reinführt. Totaler Wahnsinn.

Die Autobahn geht irgendwie durch die Berge, aber ich folge der Küstenstrasse. Da ist auch Verkehr, aber es geht morderat zu und man kommt durch tolle Ort. Ich find's noch etwas mondäner als den Gardasee. Irre Häuser und deutlich weniger überlaufen. Ich lasse mir Zeit, esse Pizza, Eis und setze mich hin und wieder auf eine Bank im Schatten um die Aussicht zu genießen.

Es macht Spass, die Italiener anzusehen. Ich bin in meinem abgeranzten Radelfummel natürlich voll unten durch, aber der Italiener, der was auf sich hält trägt helle, weite Bermudas, weißes Hemd und Sonnenbrille. Manchmal Hut. Und die Damen... wow... Teils in langen, wallenden Kleidern, am besten noch mit Windhund and der Leine oder im schlichten, kurzen Sommerkleidchen mit endlos langen Beinen. Wie aus dem Modekatalog.


Jetzt wird's malerisch am Comer See.

Im Norden endet der Comer See deutlich unspektakulärer als der Gardasee. Der Boden geht flach in das weiterführende Tal über, es folgt also ein Schilfgürtel und dann führt mein Weg auf dem Deich der Adda entlang, einem grau-braunen Strohm, der den See speist. Komisch, dass der Comer See glasklar ist.

Am See war die Temperatur mit 28⁰C total angenehm, aber jetzt ist die Gluthitze wieder da. 39⁰C zeigt der Garmin und es ist furchtbar. Als ich Pause mache, merke ich wieso: Ich habe Rückenwind, damit fehlt der kühlende Fahrtwind.

Ab dem Lago de Mezzola beginnt für mich das Steigen. Ich bin unentspannt, 800 m geht es jetzt in einem Stück hoch. Mindestens 5%, zwischendurch auch mal 15% und das im dauernden Strom der Autos. Das ist echt mega ätzend, da sie teilweise auch echt knapp überholen, aber es ist vor allem anstrengend. Nach 200 hm geht es mir nicht gut. Ich stelle mich an der Seite in den Schatten, mein Puls rast und mir ist schwindelig. Und das soll noch 600 m so weiter gehen? Ich werde etwas hoffnungslos.

Nachdem ich wieder im Takt und entspannt bin, wage ich den zweiten Anlauf. Auf die Ohren kommt Abba, guter Rhythmus, schön fröhlich und zum Mitsummen und dann gehe ich das ganz ruhig an. Und das geht! Und zwar richtig! Ganz ruhig, stetig und unbeirrbar kurbel ich vor mich hin und kletter Meter um Meter. Vom Verkehr neben mir nehme ich kaum noch was wahr, ich gucke auf die 2 m vor mir und wenn es zu anstrengend wird, schalte ich einen Gang runter. So bleibt der Puls entspannt und ich auch.

Ich radel durch das gesamte Best Of Album von Abba und ausgerechnet als "The Winner takes it all" zum zweiten Mal kommt, erreiche ich das Plateau auf dem Campodolcino und mein Zeltplatz liegen. Ich fühle mich richtig cool, habe wieder Heißhunger auf Müsli, den ich nach einem Besuch beim kleinen Supermarkt stillen kann und habe einen entspannten Abend. Morgen ist der Splügenpass für Autos gesperrt und ich bin gespannt auf die restlichen ~1200 Höhenmeter.

Mit dem Übergang in die Schweiz werde ich mein Handy dann ausschalten. Das Elend mit deutschen Telekommunikarionsunternehmen und Roaminggebühren.

Track.

Tag 8

Das Bikerpärchen neben mir gibt sich alle Mühe, ihren Kram leise abzubauen, vermutlich wollen sie noch über den Pass, bevor er um 8:00 für den Kraftverkehr gesperrt wird.

Beim Frühstück ploppen plötzlich überall Rennradler aus den Bullis, die mich vermutlich gestern an der Steigung überholten. Die faulen Säcke! Beim Müsli geht mir endlich ein Licht auf, warum das mit meiner Streckenplanung nicht hinhaut: Ich bin meiner Planung inzwischen einen Tag voraus, eben genau weil ich den autofreien Splügenpass mitnehmen wollte. War wohl gestern etwas unterzuckert.

Pünktlich um 8:00 starte ich den gut 1000 m Anstieg, der sich im Mittel von 7,5% über 13 km hinzieht. Ein aufblasbares Tor markiert den Anfang und die ersten Rennradler sind schon dabei.

Ohne Autos ist so ein Anstieg eine ganz andere Nummer. Die Stille ist wunderbar, die Vögel zwitschern, man hört die Leute reden, die Luft ist herrlich frisch und die Hektik fehlt, man hat Zeit um sich zu gucken. So kann ich dem Klettern mit dem Rad was abgewinnen.

Natürlich geht es nur langsam voran. Ich kurbel mit 6-8 km/h vor mich hin und natürlich überholen mich die Rennradler, die alle freundlich grüßen. Hier kurbelt wirklich der gesamte Bevölkerungsquerschnitt den Berg hoch. Meistens auf Rennrädern, hier und da auch MTBs. Ach ja, und auch diese fetten eMTBs. Meistens sitzen darauf wohlbeleibte Pummelchen, der Motor gibt Vollgas und sie treten zur Show in einem mittleren Gang. Ich bemühe mich, sie nicht zu verachten, was aber schwerfällt. Sie haben hier eine tolle "Bikeexperience" und wie der Opa vom Fernpass sagte: Sie bewegen sich, das wirkt sich positiv auf die Krankenkosten aus.

Es ist toll und beeindruckend, wie sich die Strasse hier an den Hang krallt. Vor allem der Abschnitt, wo die Serpentinen aufeinander gestapelt sind und im Berg verschwinden. Und dass das alles diesen vielen Autoverkehr aushält. Die Kräfte durch Beschleunigungen, Vibrationen usw.

Auf halber Höhe mache ich einfach eine Pause und gucke mir den steten Strom an. Die meisten Radler sind echte "Bergziegen", sicher unter 1,70 und drahtig. Und wie manche hier hoch dampfen ist wirklich krass.


Wie eine langsame Achterbahn bergauf.

Wir übersteigen die Baumgrenze und damit fehlt der Schatten und die Sonne beginnt zu brennen. Auch die Landschaft wirkt plötzlich deutlich karger. Kurz vor dem Pass kommt der Splügen-Stausee, man radelt von unten auf die aus dunklem Stein gemauerte Staumauer zu, ein surreales Bild.


Päuschen am Splügen-Stausee.

Und dann ist man plötzlich oben! Man umrundet den See und da läuft es plötzlich. Ich überhole auch ein paar eMTBs, welche Genugtuung, auch wenn sie mich auf dem letzten Anstieg natürlich wieder holen.

Der Pass liegt in so einem typischen Sattel und es herrscht dichtes Gedränge, samt DJ mir Elektro-Mucke. Mir ist das ein bisschen zuviel Action, ich schieße ein Foto ins Tal und dann beginnt die Kilometer lange Abfahrt. Es ist der Wahnsinn, wie mein Bock aufgrund seiner Masse beschleunigt, aber er fährt ruhig wie eine Limousine. Ab 50 km/h bremse ich, um nicht an den Serpentinenkurven so hart bremsen zu müssen. Wenn Platz ist, kann man die Kurve toll ausfahren und dann wiederholt sich das. Dabei begegnet mir der konstante Strom von Radlern, die noch einige Höhenmeter zu erklimmen haben.


Und wieder runter!

Euphorisch komme ich in Splügen an und gönne mir am Hotel an der Kreuzung, wo's zum Pass hoch geht eine Cola. Macht 5 Euro, willkommen in der Schweiz...

Auch auf dem weiteren Stück ist noch lange nicht Schluss mit Abfahrt. Ich befinde mich in einem regelrechten Rausch, 40 km/h ist das neue Normal und wenn es dann doch nochmal einen Anstieg gibt, ist das mit 12 km/h frustrierend langsam.

Es geht das Tal des Hinterrheins hinab und die Landschaft ist richtig krass. Vor allem an der Viamala wird das Tal zu einer abartig schmalen Schlucht. Wie der Rhein seinen Weg hier durch gegraben hat, ist mir wirklich ein Rätsel.

Danach gönne ich mir in Thusis ein geiles Mittagessen am Zeltplatz und staune wieder über den Preis. Hier bin ich Gast aus einem Niedriglohn-Land, mal sehen, wie ich die Reisekasse schonen kann.

Danach ist die Luft ein bisschen raus. Das Tal weitet sich und die Wege haben eine schlechte Oberfläche. Der Gravelweg klettert am rechten Hang in 50-100 m Höhe dahin, aber es läuft nicht so recht, ich bin müde und es ist auch hier über 30⁰C heiß. Nach Chur rein geht es lange durch Industriegebiete und als ich im Zentrum ankomme, bin ich platt.

Der Eisbecher der Eisdiele "Eviva Plankis" baut mich wieder auf. Angesichts der Schlange scheint der Laden sowieso sehr angesagt zu sein. Auch viele Radler finden sich hier ein. Ältere Herren mit Rennrädern sitzen schon, dann folgt eine Gruppe Gravelbiker und als ich gehe, fällt eine Horde MTBer ein, so mit Integralhelmen und Protektoren. Mache kommen mit Wheely angeschossen, gestoppt wird auf dem Vorderrad stehend, krasse Radbeherrschung.

Es dauert danach etwas, bis der Zucker vom Eis ankommt. Ausserdem ist der Radweg auf dem Deich des begradigten Rheins recht öde und mir braust schon wieder ein derber Wind entgegen. Hilfe kommt in der Form eines Pärchens auf Ebikes. Ich hänge mich in ihren Windschatten und ob da die drei Kugeln Eis ihre Wirkung entfalten? Plötzlich rennt das, ja, ich stehe richtig unter Dampf!

Dazu kommt offenbar, dass ich mit dem Abbiegen weg vom Rhein den thermischen Gegenwind verlasse. Es geht ins Tal Richtung Zürich und es rennt wie der Teufel! Ein toller Abschluss des Tages, der am Zeltplatz des Walensees endet. Es gibt nur einen dürftigen Laden, aber ich habe auch keine Ansprüche mehr. Irgendwas reinstopfen und ins Bett!

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Tag 9

Ich habe heute viel Zeit und merke auch die letzten Tage. Bin müde, habe auch schlecht gegessen und weiss nicht so recht, was ich mit dem morgigen Tag anfangen soll. Ich hänge mental richtig durch. Somit stehe ich erst um 8 auf, koche mir einen Tee und setze mich unter den Bäumen an eine Tisch/Bank-Kombination. Und während ich versuche, die Strecke zu planen, kommt von der Seite eine Ente mit ihren 8 Küken und bettelt mich an. Während sie meine Brotkrümel aus der Hand frisst, wuseln die Küken um und über meine Füße und ich muss aufpassen, dass ich still halte, es kitzelt wie irre.

Am Ende steht mein Entschluss fest und ich breche wieder motiviert auf. Nach Zürich auf den einzigen Zeltplatz soll ich radeln, morgen lasse ich mein Zelt da mit allem Pröll bis nachmittags stehen, drehe eine Tagesrunde und dusche dort, bevor ich mich auf den Weg heim mache!

Der Weg am Walensee entlang ist ein weit größeres Abenteuer als gedacht. Das Ufer wird zunehmend steiler und es ist unglaublich, wie die Schweizer den Radweg parallel, unter und über der Autobahn an und durch den Fels gelegt haben. Ja wirklich, einmal gibt es einen 100 (?) Meter langen Tunnel nur für Radfahrer. Wahnsinn.


Schweizer "Bergbau"-Kunst.

Nach dem See öffnet sich das Tal und gefühlt verlässt man die Alpen. Mein Weg führt mich am Glarus entlang, einem schnurgeraden Kanal, durch den das Wasser vom Walensee zum Zürichsee fließt. Es ist glasklar und hier und da nutzen Schlauchbootfahrer und SUP'er die Strömung und lassen sich treiben.

Es ist wieder heiß, als ich am Obersee ankomme, aber es gibt eine phantastische Badewiese mit Bäumen und nebenan gibt's einen Supermarkt. Ich kaufe mir ein Essen (Brot, Käse, Obst, Gemüse, Yoghurt...) und picknicke im Schatten bei herrlicher Ruhe.

Danach geht's recht entspannt weiter, immer auf einem extra Radweg durch's Grüne, bis man in Rapperswill auf die Uferstrasse mit all ihrem Verkehr wechseln muss. Von da an sind es 21 ätzende Kilometer und ich packe mir wieder Musik auf die Ohren. Man hat zwar einen Schutzstreifen, aber hier fahren reihenweise die größten SUV, die alle Hersteller zu bieten haben und es wird wiederholt eng. Wirklich mega ätzend.

In Zürich sehe ich wieder den Porschehöker an der alten Tankstelle, den ich schon kenne, danach weiche ich auf die Promenade aus und schlängele mich langsam durch die Fußgänger (das darf hier). Die Kugel Eis kostet 3,50 CHF, aber das war ja zu erwarten. Ich gönne mir trotzdem 2 Kugeln und genieße sie auf einer Parkbank sitzend und dem Trubel zusehend. Hier wohnen scheinbar unheimlich viele, hübsche Menschen.

Auf dem Weg zum Zeltplatz passiert, wovor ich auf der ganzen Tour Schiss hatte, ich maule mich ab. Und dann auch noch sooo blöde... Ich muss am anderen Seeufer entlang 4 km zum Zeltplatz fahren. Es ist Rush Hour und es herrscht ein wahnsinns Verkehr, sowohl auf der Straße als auch auf den Radwegen. Mir ist völlig unklar, wo man fahren soll. Auf der Straße sind Schutzstreifen aufgepinselt, aber auch auf dem Hochbord sind Fahrradpiktogramme mit Pfeilen in beiden Richtungen aufgemalt. Ich fahre also mit anderen auf der linken Seite, denn bei dem Autoverkehr die Seite wechseln das spare ich mir.

Kurz vor'm Zeltplatz enden die Piktogramme, also werde ich wohl doch die scheiß Seite wechseln müssen. Während ich halte, sehe ich andere Radler links von mir in einer Unterführung verschwinden. Das macht Sinn, also hinterher, doch in der Unterführung sehe ich, dass der Tunnel viel weiter führt als nur auf die andere Straßenseite. Also will ich umdrehen, bereite das aber nicht gut vor, komme nicht herum, komme nicht aus dem Click und platsch, falle ich wie so ein nasser Sack auf die Seite. Mein Ellenbogen und das Handgelenk schmerzen, aber sonst scheint alles gut. Zig Fußgänger kommen mir zur Hilfe, fragen sorgenvoll nach meinem Befinden, aber wie das so unter Schock ist, schüttele ich alles ab, das Rad ist in Ordnung, das ist das wichtigste.

Erst am Zeltplatz merke ich, dass mein Rücken total verspannt ist. Mal sehen, was das morgen so gibt.

Der Zeltplatz ist ansonsten rappelvoll und voller Leben. Ich darf meine Wäscheleine am Braunschweiger Wohnwagen neben mir anknoten und auf der anderen Seite stapeln ein Schweizer und ein Italiener einen Berg an Material auf. Als mein Zeltchen steht spricht mich der Schweizer an, ob ich da drinnen keine Platzangst bekäme. Sie sind beide in super Blödellaune und als sie unter großem Trara beginnen ihr Mega-Tunnelzelt aufzubauen frotzel ich, dass sie ja wie ein altes Ehepaar seien. Da geht die Slapstick-Einlage erst so richtig los, der Schweizer lässt eine theatralische Tirade vom Stapel und der Italiener bekommt vor Lachen keinen Hering mehr in den Boden. Die sind echt cool drauf.

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Tag 10

Der Schweizer von nebenan entpuppt sich abends noch als Dauerjunkie. Keine Ahnung, was er nimmt, aber als ich ins Bett will verwickelt er mich in ein Gespräch. Und während er redet zappelt er in einen fort vor mir auf und ab, dreht Kreise und springt hin und her. Seine Eltern würden hier wohnen, er würde als Bauunternehner in Brasilien und Columbien arbeiten. Ach ja, und er bezeichnet sich mit einem Seitenblick auf seinen italienischen Freund als Sugga-Daddy. Ja nee, is klar.

Die Nacht ist stickig, laut und ich finde nur wenig Schlaf. Morgens frühstücke ich am See meine Reste, demontiere Lowrider und Arschrakete vom Wurstwagen und pfeffere alles ins Zelt. Meine 60 km Tagestour soll entspannen und den ganzen Urlaub sanft ausklingen lassen, aber denkste. Außer Du bleibst am Seeufer führt Dich hier jede Tour in die Höhe. Und steil dazu. Ich fahre vielleicht 1-2 Gänge größer als sonst, aber die Vorstellung, ich würde jetzt ohne Gepäck die Berge hoch sausen entpuppt sich als GROBE Fehleinschätzung.

Der Schweiss rinnt in einem fort, als ich mich über zwei Höhenzüge kämpfe und dann geht's zur Belohnung auf einer endlosen Abfahrt in das Kaff Zug. Das hätte ich mir aber sparen können, das ist nochmal eine ganze Stufe dekadenter als Zürich. Wenn Du hier mit Deinem Porsche-SUV vorfährst, gehörst Du schon zum Prekariat, ein Bently sollte es schon sein.

Der Weg heim geht eine sehr lange 5% Steigung hoch, aber das ist relativ harmlos. Cool ist danach die endlose Abfahrt entlang der Sihl. Dann noch ein kleiner Hoppser und ich bin zurück am Züricher See. Der Werksverkauf von Lindt fliegt vorbei, aber Mitbringsel würden nur als Kakao ankommen. Es ist wieder gnadenlos heiß und in Flensburg stöhnen die über 30⁰C. Lappen.

Den Rest des Nachmittags verdöse ich auf einer Badewiese im Schatten und hänge ziellos am Ufer herum. In die Stadt will ich bei diesem Wetter nicht. Um 21:00 geht der Nachtzug und Flensburg wird mit die Akklimatisierung wohl einfach machen.

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