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23.06.-04.07.2026, Radtour durch Schottland

Tag 0, Dienstag

Bis 11 sitze ich mit meinen Eltern am Frühstückstisch und wir tratschen. Unverstellt, ehrlich, ganz im Moment, weil es einfach nur Alltag ist und wir unter uns sind. Keine Ablenkung, so erleben wir uns selten und alle genießen es.

Dann bekomme ich allerdings Hummeln im Hintern und habe einfach Lust, aufzubrechen. Man soll die Fähre bis spätestens 16 Uhr boarden, ich habe also massig Zeit, aber von einem Moment auf den anderen ist das Reisefieber da.

Es ist schön, durch die alte Heimat zu radeln, wenn ich es auch etwas wehmütig tue. Die meisten Wiesen und Felder sind inzwischen der niederländischen Bauwut zum Opfer gefallen.

An der Sandlaan wird gebaut, aber hey, ich bin ja zu Hause, fahre ich über den Baron van Wassenaerlaan. Das Pflaster muss noch dasselbe wie vor 40 Jahren sein, geht es mir durch den Kopf, aber am Tunnel unter der N206 durch erlebe ich eine Überraschung: Das ist hier alles rot asphaltiert und nur noch Radweg! Auch das ist NL.

Die lange Steigung hoch nach Katwijk fühlte sich als Kind immer ewig lang an, aber heute trete ich sie voller Schwung hoch. Verglichen mit Flensburgs Steigungen ist es auch ein Witz.

Am Südboulevard komme ich an die Küste und biege nach Norden. Heute ist pures Genussradeln über Hollands schönsten Radweg: Parallel zur Küste, windet er sich durch die Dünen, das ist einfach phantastisch. Allerdings ist es auch 30⁰C heiß, also anstrengend wird es schon.

Nach Katwijk kommt Noordwijk, dann Zandvoort, wo ich mir nochmal eine feine Henkersmahlzeit gönne, bevor ich mich der englischen Küche "übergebe".

Wie absehbar bin ich zu früh in Ijmuiden, aber das macht nichts. Am Seaport Ijmuiden entlang radel ich raus auf die Mole. Diese riesige Marina war in den 90ern nagelneu und wenn wir im Studium mit dem Boot meiner Eltern unterwegs waren, war diese Marina immer die Maximalbelastung für unsere Bordkasse. Ich glaube, man musste 45 EUR hinblättern, dafür gab es 1A Duschen und einen Eisautomaten. 😁

Am Molenkopf esse ich von Mamas Stroopwafeln und um 15 Uhr radel ich zur Fähre, die man schon liegen sieht. Als ich ankomme, ist das Boarden schon in vollem Gange. Ich sehe auch ein paar Radwanderer, aber es es wird beladen was kommt und man bindet sein Rad irgendwo neben den Autos an, man steht also nicht mit allen Rädern zusammen.


Tschüss Festland!

Jetzt sitze ich hier geduscht und entspannt im Schatten auf dem 7. Deck und blicke auf's Meer. Es wird langsam frisch im Fahrtwind also stromer ich mal durch den Kahn und bin gespannt, auf das "phantastische Unterhaltungsprogramm".

Tag 1, Mittwoch

Das war gestern noch ein Dingen: Ich bekam dann doch Hunger und wählte notgedrungen die "günstigste" Variante, das Wold Explorer's Buffet für 36 Ocken. Das war aber auch hammergut und hammergroß. Italienisch, asiatisch, türkisch, indisch, sogar eine amerikanische Ranzecke mit Pommes und Burgern gab es. Die einzigen die ich aber davon essen sah, war das kugelige Briten-Paar am Nachbartisch.

Beim Frühstück wurden die dadurch gesetzten Erwartungen aber enttäuscht, es war eher funktional. Dafür segelten 3 Tölpel neben uns her, mein absoluter Lieblingsvogel!

Mit gut aufgeladenen Speichern legten wir um 9 Uhr Ortszeit in Newcastle an. Aus allen Ecken kamen etwa 14 Radler am Zoll zusammen und dann ging es wirklich los!

Links fahren klappt problemlos, nur wenn ich auf ganz schmalen Straßen verträumt losradel, brauche ich schonmal 20 m, bis der Groschen fällt. Und wenn mir jemand begegnet, erwische ich mich oft bei der Frage, ob mein Gegenüber auch wirklich weiß, daß er links fahren muss. 😁


Lustradeln durch Newcastle.

Die Wege sind extrem abwechslungsreich. Mal schmale Straßen, dann läuft es flott, ziemlich gute Radwege abseits der Straße und dann auch mal Singletrails meist mit guter Oberfläche, dann aber auch mal hubbelig, da geht es dann entsprechend langsam. Es freut mich aber, dass meine neuen Schwalbe G-One Mäntel dabei eine super Arbeit machen.

Im Gegensatz zum Festland ist die Temperatur angenehme 25-28⁰C, aber mittags bricht die Sonne durch die Schleierwolken und dann ist es schon gut warm. Aber nichts im Verhältnis zum Rest von Europa.


Friedhof, Kirche, Burg. Wir sind in England.

Es geht immer die Küste entlang. Mal direkt am Wasser, mal durchs Hinterland. Es ist oft ein bisschen wie auf dem Gendarmstin und die Küste überrascht mich: Ein kleiner Strand, denn eine 2-4 m hohe Stufe und obendrauf Häuser. Direkt am Strand, wie an der Ostsee. Echt komisch, auf der Nordsee kann es doch richtig spuken?!

Dazu gibt es natürlich auch immer wieder Castles. Die sind hier schon echt inflationär, aber das, und diese megaschnuckeligen Häuser runden das Bild ab, man ist wirklich in England.


Winziger Singletrail durchs Marschland.

Nach 113 km finde ich es einfach noch zu früh um auf den geplanten Zeltplatz zu gehen und radel noch die 25 km bis Berwik-upon-Tweed. Eigentlich schließt die Rezeption um 18 Uhr und dann darf niemand mehr rein, aber der Platzwart hat Mitleid und lässt mich rein. 30 min später trudelt noch Lutz ein, der heute morgen auch in Newcastle startete, allerdings ist er schon länger unterwegs und kommt aus London. Wir tratschen richtig schön, ein toller Tag!

Tag 2, Donnerstag

Ich habe ganz komisch geschlafen, weil ich dauernd seitlich von der Matratze rutschte. So schräg war der Rasen doch gar nicht?! Beim Einpacken sehe ich das Problem: Die Isomatte ist längs mit Stegen verklebt und der mittlere hat sich gelöst, wodurch sie in der Mitte einen dicken Wulst hat. Leute: Macht einen Bogen um Exped Produkte! Die altern einfach so, ohne Nutzung und sind nach 5 Jahren im Eimer. Und dafür sind die echt teuer! Wir hatten schon das Problem mit einem Exped Zelt, das sich plötzlich in seine Bestandteile zerlegte und jetzt die Isomatte. Mein Hilleberg Zelt ist 10 Jahre alt und die Thermarest Matratzen der Familie sind auch tip top. Exped ist einfach nur teurer Sondermüll.


Eisenbahnbrücke.

Mit Lutz warte ich bis 9 und checke aus. Er ist noch nicht so weit, aber wir vereinbaren, dass wir uns heute Abend in Edinburgh wiedersehen. Es geht ganz mies los: Bergauf! Und das nicht zu knapp, den ganzen Vormittag lang und mit echt fiesen Steigungen von gerne mal über 10%. Die Sonne sticht und ich öle vor mich hin. Insgesamt werden das heute über 1100 hm, das meiste vormittags.

Nach 20 km geht's in Eyemouth endlich ans Wasser und da steht man vor einer dicken Nebelwand. Der hält sich heute hartnäckig und vom Meer sieht man nur selten was. Das Örtchen liegt aber richtig malerisch in einer kleinen Bucht, im geschützten, schlauchförmigen Hafen liegen kleine, aber hochbordige Kutter, es ist einfach hübsch. Am Coop kaufe ich mir ein zweites Frühstückchen und genieße es am Strand.


Über den "Wolken".

Der sonstige Tag bringt extreme Wechsel. Schöne Singletrails, mega ätzende, 1 m breite 2-Richtung-Radwege entlang dichtem Autoverkehr, alte Bahndämme mit feinstem Gravel usw. Aber eben vormittags auch immer wieder diese Steigungen. Aber die haben auch was: Nachdem ich auf 260 m Höhe an die Küste komme, geht es über 5 km parallel zum Hang wieder runter bis zur Pease Bay, wo ich Mittag mache und ein Stündchen penne.

Danach wird es flacher und ich habe das Gefühl mehr voran zu kommen. Keine Ahnung, ob ich abends unterzuckert oder einfach nur müde bin, aber meine Edinburgh-Durchfahrt ist alles andere als toll. Ich wollte noch ein Küchelchen essen, aber das Café schließt um 17:00. Also schlinge ich meinen Orange Pie runter und haste weiter, die Zeit im Nacken, denn ich will vor 18:00 am Zeltplatz sein, bevor ich qieder so ein Rezeptions-Malheur habe. Der Seenebel zieht durch die Stadt und es ist fies kalt, der Verkehr tut sein übriges und abseits der Tourimeile ist Edinburgh siffig und runtergekommen. Ich bin richtig genervt, als ich ankomme, aber Lutz ist schon da und mit einem anderen Radwanderer schnacken wir und meine Stimmung hellt sich auf.


Schweine im Schlick.

Aufgrund extremer Fahrradklauerei soll man sein Rad blos nicht im freien stehen lassen und es stattdessen kostenlos in eine der Fahrradboxen schließen! Ich habe auch keine Lust mehr, in die Stadt zu radeln, also nehmen Lutz und ich den Bus und essen eine extrem gute Pizza. Aber um 22:00 bin ich total alle, also ab ins Bett!

Tag 3, Freitag

Nachts geht ein Gewitter durch, das sich gewaschen hat. Gefühlt gibt es keinerlei Pausen zwischen den Donnern. Um 7 ist es aber trocken und das nächste Gewitter soll erst um 9 da sein. Also schnell packen und los, aber ich komme nicht so weit und wettere das Gewitter und den Platzregen in einer Bäckerei im Vorort von Edinburgh ab.

Danach ist es erstmal trocken und ich genieße den Blick auf die Firth of Forth Bridge. Was für ein irres Bauwerk.


Firth of Forth Bridge (1890).

Danach heißt es viel Klettern, insgesamt mache ich heute gut 1.600 hm und oft sind die Steigungen ganz schön happig. Bisher habe ich die Autofahrer als wahnsinnig schüchtern und zurückhaltend empfunden. Auch wenn es eigentlich locker zum Überholen reichte, daddelten sie oft hinter einem her, bis es einem zu peinlich wurde und man an die Seite fuhr.

Aber hier, nördlich von Edinburgh sah ich den ein oder anderen Mittelfinger oder wurde mir was zu gerufen, was mit "ye fuckin wanker" endete. Irgendwann gab sich das aber wieder, muss wohl ein lokales Phänomen sein.

Zwei Platten habe ich heute. Erst eine Glasscherbe und dann ein Flintstein. Mr. Schwalbe G-One und ich haben gerade kein großes Vertrauensverhältnis.


Blick auf die Highlands.

Ein Weile radel ich mit einem 66jährigen Engländer, der für einen guten Zweck von Landsend bis Inverness radelt. Bei der Abfahrt nach Perth verlieren wir uns aber aus den Augen, so ist das zwischen Bikepackern.

In Perth schaue ich bei einem Radladen vorbei um mein HR auf 4 bar zu bringen. Da geht wieder ein Platzregen nieder und sie behalten mich gleich da.

Es ist heute sehr abwechsreich, hintenraus aber zu kompliziert und lang. Der Platz in Pitlochry nimmt keine Zelte, also nochmal 10 km bis Blair Athol. Um 21:30 komme ich an, leere Tanks, leere Essenstasche und alles ist klamm. Ich kann jetzt aber nicht waschen, denn in 30 min kommt der nächste Platzregen. Jetzt gerade geht draußen wirklich die Welt unter, brrr. Das Handy verliert dadurch sogar die Netzverbindung!

Und morgen in die klammen, stinkigen Klamotten. Das wieder geil.

Tag 4, Samstag

Heute ist Abenteuertag! Es geht in die Highlands, bzw. den Cairngorm Nationalpark. Bisher bin ich den Strecken des "National Cycling Network" gefolgt, was abwchslungsreich und im Grunde prima war, aber hier würde die Strecke der A9 entlang des Randes des Nationalparks folgen. Die "bikeable" Alternative heißt "Gaick Pass".


Ist das süß?!

Nach 20 km Straße biegt man unspektakulär rechts ab und dann gibt's nur noch einen Schotterweg und geht's in die Highlands an einem Bach entlang. Ich bin darauf vorbereitet, dass es in der Mitte einen 2-3 km langen "bike & hike" Abschnitt gibt (deutsch: Man schiebt), aber dieser Weg ist schon ziemlich mies. Ich bin froh, dass mein Rad so robust ist und mit Mr. Schwalbe G-One werde ich heute ein intensives Vertrauenstraining machen, an dessen Ende wir die allerbesten Kumpel sind.


Jetzt wird's ernst!

An der ersten eingestürzten Brücke kraxele ich noch über die Reste, statt die Furt zu nutzen, an der zweiten gibt es aber keine Überreste mehr und ich gucke mich etwas ratlos um, bis ich rechts einen ganz schmalen Pfad die 6 m hohe Abbruchkante hochführen sehe. Da hoch mit meinem Wurstwagen???

Es geht ziemlich gut, aber oben erwartet mich eine weite Eben aber kein Weg. Es ist ein Abschnitt voller Buckel, durchzogen von Sumpflöchern mit pechschwarzer Erde. Hier und da sehe ich darin Reifenspuren, es scheint also okay zu sein, der Linie meines Garmin zu folgen und so kämpfe ich mich da gut 500 m durch, bis ich am Abhang neben dem folgenden See den Pfad wiederfinde.


3 km "Bike & Hike", sprich: Schieben.

Jetzt kommt die 3 km lange Schiebestrecke entlang des "Pass-Sees". Der Abhang an dem sie entlang führt fällt steil zum See ab und der Pfad ist entsprechend schmal. Ich haue mir x Mal die Pedale in die Hacken und am Ende zieht es sich wirklich, aber die Aussicht entschädigt. Diese von Heidekraut und Blaubeeren (?) bedeckten Hänge, diese dunklen Wolken (kein Regen), der See... das ist schon genau so, wie man sich die Highlands vorstellt. Dazu braust inzwischen ein fetter Sturm von Süd, also hinten, durch das Tal, so dass ich kaum Treten muss, als ich wieder radeln kann. Die zwei Furten, die mir anfangs Sorgen machten sind entspannt, im Windschatten der leerstehenden Gaick Lodge mache ich eine Tea Time und dann geht es den Rest des Tages bei Rückensturm im Grunde nur noch bergab. Aus einem groben Schotterweg wird eine feine Gravelpiste und am Ende Asphalt. Das Tal weitet sich, wird lieblich und die Zivilisation hat mich zurück.


Nasse Füße an 2 Furten.

Es rennt und rennt, selbst Steigungen fliege ich hoch und ein schottischer Bikepacker schimpft lauthals über den Sturm, als er mir den Berg hinab tretend entgegen kommt.

So flitze ich bis Inverness und werde die letzten 10 km von einer schottischen Rennradlerin zum Zeltplatz geführt. Irre nett, wollte eigentlich am Ortsrand auf den Zeltplatz um es ruhig anzugehen, aber sie meint, die letzten 8 km ginge es sowieso nur bergab, das würde ich locker schaffen. Aso wieder 130 km auf der Uhr und doch auch wieder über 1000 hm. 🙄

Tag 5, Sonntag

Entlang des Caledonian Canal, also Kanalradeln in der Ebene, was kann da schon schief gehen? Na gut,wir haben SW 6-7, also voll gegenan, aber wozu gibt es Hecken und Bäume, das wird schon.

Das dachte ich zumindest, also ich morgens einen Schnellstart hinlege, um alles vor dem anziehenden Schauer trocken weg zu packen. Danach wettere ich ihn in der Bakery ab, tolles Timing.

Aus Inverness raus kommt bald das Loch Ness und hier sieht es doch bedeutend wilder aus als gedacht. Der See ist bedeckt von Schaumkronen und der Sturm kann sich durch das weite Tal frei entfalten. Ich bin ganz froh, dass die alte Uferstraße am Südufer mitten durch Wälder führt und ich gut geschützt bin.


Am Loch Ness.

Ab Foyers biegt die Strasse allerdings weg vom Loch und beginnt zu steigen. Hallo? Ich bin ein bisschen schlapp und gönne mir in einem einsamen Café ein deftiges, zweites Frühstück (mit black pudding!) und das wird auch nötig, denn es geht in einem fort bergauf. Irgendwann gibt's auch keine Bäume mehr, der Sturm ballert mir entgegen und die schnurgerade Strasse steigt und steigt. Das ist völlig irre und ich packe mir zum ersten Mal Musik auf's Ohr. Das ist sonst nicht auszuhalten.

Der Pass liegt auf knapp 400 m und hier knallt mir der Sturm mit solcher Wucht entgegen, dass er mich fast umschmeißt. Das ist irgendwo auch cool und auch wenn ich die Abfahrt kaum Tempo aufnehme ist die Landschaft hier oben grandios.


Am Loch Tarff entlang.

Bis Fort Augustus habe ich die ganze Höhe wieder abgebaut. An der Schleusentteppe ist viel Touristenbumms, aber hier biege ich auf einen schicken, und EBENEN Weg entlang des Kanals. Vereinzelt liegen Yachten an den Stegen, der Sturm orgelt in den Wanten und die Besatzungen sind offenbar auch nicht so begeistert. Als wir hier 2008 durch sind war es deutlich entspannter.


Endlich mal eben und normal am Kanal lang.

Entlang des Loch Lochy klettert der Gravelweg wieder das Ufer hoch und alles fällt mir richtig schwer. Es waren schon wieder über 1300 hm und ich bin gerade einfach kaputt und alle und das Wetter hilft dabei nicht wirklich. Den ganzen Tag den Sturm im Gesicht, das schlaucht und in Fort William steuere ich direkt den Zeltplatz an. Ich hole mir im chinesischen Take Away was zu essen, besorge mir im Coop Limo und Pudding und verziehe mich in mein Zeltchen. Es nieselt und hat 11⁰C, ein Glück, dass dieses kleine Hilleberg Akto genug Platz zum "Leben" bietet.

Tag 6, Montag

Heute gibt es einen "Kaltstart". Ich hasse die: Aufbruch im Regen. Es hat quasi die ganze Nacht geregnet, aber es hilft ja nichts, ich muss ja weiter. Also im Zelt Klamotten anziehen, Ölzeug drüber und dann am Ende das Zelt klitschnass zusammen rollen. Es ist vor allem bei diesen Temperaturen ekelig, morgens sind es 11⁰C, mittags werden es 13.


Cool Umlaufperren in Form keltischer Harfen.

Es ist so ekelig, dass ich gar nicht groß nachdenken muss, als ich in Fort William einen McDoof passiere. Nichts wie rein da, "frühstücken" und lange an einem Kakao festhalten, bis es endlich aufhört zu regnen.

Die ersten 20 km sind ätzend: Stark befahrene Straße. Immer wieder weiche ich in Einfahrten aus, um die Kolonne an Pkw und Lkw durch zu lassen. Danach wird es besser, ich habe den Eindruck, dass es oft über alte Bahndämme geht, aber hin und wieder muss man klettern mit gerne mal 18%, z.B. auf Höhe Keil in einen magischen Wald. Also prinzipiell machen die Schotten das mit ihren Radwegen echt gut.


Castle Stalker.

Ich komme nur irgendwie nicht in den Tritt. Bin abgeschlagen und müde und aus den Beinen kommt nichts. Ich beschließe deshalb nach Oban zu fahren, mir ein Hotel zu nehmen und einen Ruhenachmittag einzulegen. Die kommenden Tage ist die Infrastruktur sehr dünn gesäht und ich werde evtl. mal wild zelten. Da ist es besser, gut vorbereitet und trocken zu sein.


Diese Brücke resoniert in hoher Frequenz, ganz gruselig.

Ich hänge alles im Zimmer zum Trocknen auf, schlafe gleich mal zwei Stunden, kaufe kurz ein und esse Fish & Chips und haue mich um 21:00 ins Bett. Morgen ist es nochmal nass, aber dann soll der Wind auf NW drehen und es soll trockner werden. Das bringt mich dann hoffentlich gut zurück nach Newcastle.

Tag 7, Dienstag

Keine Ahnung ob es am Ruhenachmittag oder an der Ernährung lag. Die letzten zwei Abende hatte ich mangels Alternativen chinesisches Takeaway gegessen, gestern gab es Fish&Chips und zum Nachtisch irgend einen Yoghurtdrink. Einfach mal normalen Yoghurt oder Quark bekommt man in den kleinen Dailys nicht.

Auf jeden Fall ist heute ein ganz anderer Tag! Es ziehen zwar immer wieder Schauer durch aber mental und physisch bin ich heute ganz oben auf. Es läuft einfach, die Beine haben Kraft und ich bin sowas von begeistert von der Landschaft und dankbar über meine Situation, dass ich ein bisschen gefühlsduselig werde und mit Joe Cocker auf den Ohren ab und zu einen Freudenschluchzer ausstoße. Ganz schräg, aber vielleicht ist das bedingt durch die Einsamkeit und das wettertechnische Wechselbad.


Die alten Friedhöfe in Verbindung mit der Landschaft haben was.

Heute folge ich nicht dem Cycling Network und fahre meist Strasse, doch es ist entspannt. Es ist ein kooperatives Miteinander, häufig sind die Wege einspurig mit allen 100 m einer Ausweichstelle und da warten dann die Autos freundlich, bis ich durch bin, oder ich lasse sie passieren. Es sind viele Handwerker unterwegs und auch dicke Holztransporter. Das finde ich angesichts der Kurven und Steigungen ziemlich irre.

Ich passiere einen Wasserarm nach dem nächsten und muss dazwischen über die Buckel kraxeln. So kommen 1600 Höhenmeter zusammen, aber die Steigungen stressen mich nicht mehr. Schlimmstenfalls geht es halt in den 1. Gang runter und erklimme ich sie mit 6 km/h.


Es geht wieder rauf, gerne mal 18% aber auch hier fahren Sattelschlepper.

Die Fähre von Tarbert fährt mir vor der Nase weg, aber der kleine Fischerort bietet Infrastruktur und ich esse was. Wenn ich mich nicht bewege wird es allerdings schnell kalt, wir haben halt nur 13⁰C. Drüben in Portavadie wäre das ganz doof geworden, denn da gibt es nichts. Es ist wahnsinnig einsam, die Landschaft aber auch wahnsinnig schön.


Gammeliges Ding von 1987.

So kurbel ich durch, bis ich an der Bucht bin, wo die letzte Fähre zum "Festland" startet. Nachdem ich nochmal Fourage gebunkert habe, entpuppt sich der Zeltplatz als Dauercamper-Stätte. Der Wart will nur Cash, was ich nicht habe, die "Zeltwiese" ist 40 cm hoch und ungemäht und der nächste Schauer zieht heran. Da habe ich schlichtweg keinen Bock drauf und nehme in Dunoon ein Hotel.


Kurz mal Sonnenschein.

Es beherbergt zwei Busladungen alter Leute, ich darf mein Rad in der Lobby "ausstellen" und man bietet mir an, am Abendprogramm (erst Bingo, dann Alleinunterhalter) teilzunehmen. 😁 Mich zieht's aber ins Bett.

Tag 8, Mittwoch

Da issa, der absolute Tiefpunkt dieser Tour: In Abington gibt es zwar einen Zeltplatz, aber ich will noch 30 km machen um keinen Stress mit der Fährabfahrt am Freitag zu kriegen.


Ode ans National Cycling Network.

Es soll auch größtenteils bergab gehen, ich komme schön in Fahrt und plötzlich... plötzlich habe ich keine Kontrolle und schleuder fast von der Straße: Der 4. Platten, diesmal im Vorderrad.

Im Grunde nicht schlimm, wären da nicht die Randbedingungen:
1) Es sind 13⁰C,
2) ich stehe auf freier Fläche,
3) es stürmt und
4) es regnet.

Das ist alles fern von cool und als ich das Fing endlich geflickt habe, bin ich wohl auch durch mein Fluchvokabular.

Ich breche ab. Die Prämisse "bei Regen ins Hotel" kann ich mangels Hotel nicht umsetzen, aber zum Glück gibt es in Abington einen Zeltplatz. Den ganzen Rotz im Regen und Sturm aufbauen, duschen und im Zelt verkriechen. Ein absolutes Elend.


Klettern. Hier schützt nichts vor Regen und Sturm.

Ansonsten ging der Tag gut los. Fähre ans britische "Festland", bis Höhe Glasgow 20 km feinstes Bähndäääm-Radeln, dann ewig lange südlich Glasgow durch die Vororte, was nervte und dann eben leider Regen.

Tag 9, Donnerstag

Strecke machen, das ist alles, was heute zählt. Ich hatte etwas großzügig geplant und für den letzten Tag 87 km vorgesehen. Bis 15:00 muss ich aber an Bord sein, das könnte dann bei Überraschungen (4 Platten...) eng werden.

Ich halte mich also die ersten 100 km an der Bundesstrasse entlang der Autobahn, wozu es aber scheinbar sowieso keine Alternativen gibt, denn auch die NCN72 folgt ihr. Und das beste: Es geht über wirklich Stunden leicht bergab und der kräftige NW schiebt und schiebt. Anfangs auf den Bergen muss ich selbst flache Steigungen kaum hoch treten.


Tolle, weite Landschaft und fetter Rückenwind.

Bei Carlisle habe ich noch einen letzten Blick auf die Irische See. Der Meeresarm zieht sich weit ins Land und endet flach, und da Ebbe ist, ist es eine riesige Wattfläche. Da kann der Wind richtig Luft holen und schiebt wie blöde.

Ab km 120 entspanne ich mich. Hier war der Halt geplant, d.h. alles was ich jetzt fahre, kommt mir morgen zu gute. Und das Radeln macht Laune. Es ist erst 16:00 Uhr, die Sonne scheint, die Landschaft ist grandios und die Route 72 folgt dem Hadrians Wall, es gibt also viele, alte Gemäuer zu sehen. Aber es gibt auch wieder Steigungen und die sind heftiger, als alle bisherigen. Serpentinen kennen die Engländer einfach nicht, es geht gerade den Berg hoch und ich komme ein paar Mal fast an meine Grenzen und bin kurz davor zu schieben.


Die Strecken sind so gut ausgeschildert wie in Dänemark.

Hexham scheint mir gut als Ziel des Tages zu taugen. Ich habe 160 km in den Beinen und merke sie. Der lauschige Campground am Fluss entpuppt sich leider wieder als "Trailer Trash Park" von Dauercampern und so folgt als Abschluss ein echtes Martyrium: Es geht gerade den Berg hoch, sicherlich mit ~15% bis zum echten Zeltplatz auf 160 m Höhe. Oben angekommen habe ich 163 km und über 1.700 Höhenmeter in den Beinen und bin richtig im Eimer, aber nach einer heißen Dusche und meinem Abendbrot, sieht die Welt dann wieder gut aus, morgen nur noch 52 km!


Zelten auf 160 m Höhe im Wind...

Tag 10, Freitag

Es sind nur 54 km bis zu Fähre und auch nur 350 hm 😁, und so lasse ich mir ganz viel Zeit. Es die Strecke geht im wesentlichen am Tyne Ufer entlang und macht Spaß. Nur manchmal... also ich weiß nicht ob es Absicht ist um Radler auszubremsen oder Unvermögen, aber manchmal ist der Asphalt so hubbelig, dass man kaum fahren kann.


Radeln auf dem Bähndäääm!

Das eigentliche Newcastle liegt etwa 10 km flußaufwärts und es herrscht viel Leben. Die haben hier wahnsinns Brücken über den Fluß, aus allen Epochen und ich radel über die modernste (Fußgängerbrücke), weil drüben so ein Schlachten-Trommler-Festival stattzufinden scheint. Das Gewummer erfüllt das ganze Tal, wirkt toll.


Brücken aus allen Jahrgängen in Newcastle.

Um 13:00 bin ich am Fährterminal. Ab 13:30 kann man an Bord, aber das ist mir zu früh. Ich haue mich auf ein Wiesenstück, was komischerweise braun und furztrocken ist, esse und döse ein bisschen. Dabei werde ich 3x aufgeweckt, "sir, are you alright?" Extrem aufmerksam.

Unten an der Schleuse trinke ich noch einen Tee und boarde um 14:30. Der Zolltyp will tatsächlich in meine Taschen gucken! Mir liegt ein Witz vonwegen Biokampfstoff in meiner Klamottentasche auf der Zunge, aber ich verkneif es mir lieber.

An Bord dusche ich, haue mich in die Koje und penne bis zur Abfahrt. Dann Abendessen und wieder pennen. Da war wohl was nachzuholen, während wir im 2 m achterlichen Schwell ganz gut vor uns hin rollen.

Tag 11, Samstag

Es dauert 30 min, bis ich von der Fähre komme, da zuerst die Autos dran sind. Allerdings kann ich danach Gas geben und auf erstklassigen Radwegen bis nach Amsterdam rein fahren. Radwege, das können die Niederländer. Die Bahnfahrt klappt dagegen wieder nicht so geil und in Bordesholm kapituliere ich und Steffi holt mich ab. Zu Hause um 22:00 statt um Mitternacht.

Fazit

Schottland ist geil! Auf das National Cycling Network als Grundlage für Fernradwege war immer Verlass und die Landschaft finde ich einfach grandios. Die Wege, über die einen das Netzwerk führt sind wahnsinnig abwechslungsreich und reichen von Bundesstraßen (not so nice) über kleine Wirtschaftswege bis hin zu Singletrails. Es wird einfach alles geboten, soviel Abwechslung pro Tag hatte ich noch nie. Allerdings muss man sich auf krasse Steigungen gefaßt machen. Mir war klar, dass ich täglich 1200-1800 Höhenmeter fahren würde, allerdings kosten Steigungen von gerne mal 16% viel Energie. Man kommt dadurch nicht so in einen kontinuierlichen Tritt.

Dass das schottische Wetter so ein Ding ist, das wissen ja alle, allerdings kann man damit eigentlich klar kommen. Man sollte allerdings auf die Temperaturwechsel vorbereitet sein, für die 13°C an der Westküste war ich allerdings nicht ausreichend ausgestattet.

Die Midges, diese winzigen Kriebelmücken, können einem das Leben wirklich zur Hölle machen, doch mein "Antibrumm" hat sie in dem einen Fall, wo ich ihnen begegnete, gut geholfen. Ich hatte allerdings auch das Glück, dass viel Wind ging, das mögen sie nicht. :o)