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Englandtörn 2000

13. Tag
15.09.00
Boulogne-Eastbourne
SW 4-7
bewölkt, Schauer
18C
57,28 sm
9,0 h

Um halb acht geht der Wecker und mehr oder weniger schnell kommen wir aus den Federn. Auch das Frühstück machen wir kurz (und schmerzlos), und so verlassen wir um 10:00 die Marina. Es ist wieder Ebbe. Das bedeutet, daß überall die Gasblasen aufsteigen und es erbärmlich nach Kläranlage stinkt. Den SeaCat müssen wir noch beim Anlegemanöver abwarten, aber dann können wir die Segel setzen und uns durch das schmale Fahrwasser, zwischen den glänzenden Schlickbänken hindurch, auf den Weg machen.
Zwischen den Molenköpfen setzen wir noch das erste Reff ins Groß, dann sind wir bereit für eine große Strecke. Wir wollen so weit kommen, wie es das Wetter zuläßt. Vorhergesagt ist, daß der Wind von SW nach NW drehen und auf 6 Bft zunehmen würde, aber bisher können wir schön am Wind gut Strecke machen.
Am TSS erwähnt Michael beiläufig, daß ihm schlecht sei. Er wirkt auch schon etwas gelb und so versuchen wir es mit Vomex A. Kurz darauf ist es aber dann schon zu spät und er opfert sein Frühstück den Fischen. Auch mir geht es in diesen Momenten nicht ganz so erstklassig, also konzentriere ich mich erst mal aufs Steuern. Andreas und Steffi packen Michael derweil warm ein und legen ihn in der Plicht ab.
Kurz danach ist Michael dann schon fast vergessen, da eine LKW-Fähre und ein großer Containerfrachter aus dem Dunst auftauchen. Die Fähre, die erst dran ist, dreht aber plötzlich um ein paar Grad und macht deutlich, daß sie hinter uns lang geht. Der Containerfrachter der Evergreen-Line hält aber stur seinen Kurs und prescht knapp vor uns lang. Das macht es für uns aber um so interessanter, denn es ist schon verdammt imposant, so ein 4000 TEU-Schiff in voller Fahrt keine 200 m vor einem langbrettern zu sehen.
Der Wind legt immer mehr zu, aber da wir nicht ganz hoch ran müssen, machen wir mit 7,5 kn gute Fahrt. Auch wenn mir nicht übel ist, werde ich doch müde und gebe das Ruder an Steffi ab. Sie und Andreas haben nicht die geringsten Probleme (draußen zumindest), und so lege ich mich im Salon auf die Lee-Bank. Nachdem ich ein wenig geschlafen habe, bekomme ich mit, daß es Michael langsam zu kalt wird. Also tausche ich mit ihm.
Draußen ist es nicht mehr ganz so schön. Die Sonne ist von dicken Wolken verdeckt und ab und zu jagt ein Schauer über uns hinweg. Dann nimmt der Wind noch mal zu, und die Skua wird hart auf die Seite gelegt. Die Wellen sind inzwischen auch größer geworden (knapp 2 m), und so wirkt alles noch etwas wilder. Plötzlich wird Andreas ganz aktiv und zeigt in den Salon. Ich sehe noch, wie Michael sich hochrappelt und schon ganz dicke Backen hat. Zum Ausgang wird er es so nicht mehr schaffen, und so rufe ich ihm noch "die Spüle" zu, die er zum Glück trifft. Von nun an stellen wir die Pütz neben seine Bank, die er aber nur noch einmal nutzen muß.
Aus einem Schauer taucht eine gelbe Boje auf. Sie markiert das Ende einer Abwasserleitung. Scheinbar gibt es dadurch an dieser Stelle besonders viele Fische, denn hier wimmelt es nur so von Baßtölpeln. Es sind wirklich Scharen und sie umkreisen uns in kleinen Gruppen. Sie sehen schon echt elegant aus, da sie enorm schlanke Flügel haben und überhaupt sehr groß sind. Kurz vorher kreuzte noch eine echte Skua unseren Kurs, aber gegenüber diesen eleganten Fliegern wirkte sie eher bescheiden.
Als ich wieder am Ruder stehe, nimmt der Wind innerhalb von 10 min auf 6 Bft zu. Da am Horizont alles dunkelgrau vor Schauern ist, setze ich das zweite Reff. Als das Groß wieder steht und ich noch am Mast sitze, um die Fallen neu aufzuschießen, werden die Böen immer stärker und die Skua kränkt sicher um die 35. Von hinten guckt Andreas auch etwas sparsam, also berge ich auch noch die Fock. Dabei spritzt die Gischt immer und immer wieder über das Vordeck und scheinbar gezielt in meinen Kragen. Wirklich wunderbar.
Nachdem wir kurze Zeit nur mit dem zweiten Reff vor uns hingedümpelt sind (immer noch knapp 5 kn), setzen wir die Fock wieder und brettern gleich darauf mit 8 kn über Grund weiter. Eigentlich sollte die Ansteuerungstonne von Eastbourne langsam mal auftauchen, aber in den Schauern ist einfach nichts zu sehen. Erst als es (dem GPS sei dank) nur noch eine halbe Meile weit ist, taucht sie auf. Da die Angaben zur Tiefe im Reeds und den Imray-Karten stark auseinander gehen, fragen wir den Hafenmeister per Funk wie es aussieht, worauf er antwortet, es sei Wasser genug für uns vorhanden. Erleichtert steuern wir das letzte Stückchen schmales Fahrwasser bei quergehenden Seen auf die Hafenmole zu und erreichen endlich glattes Wasser.
Jetzt kommt auch Michael wieder hoch und erholt sich schnell. Beim Hafenmeister erfahren wir, daß der Wind sogar auf 7 Bft gegangen ist und daß es morgen genau so sein soll. Mal sehen, was wir dann machen. Hier sieht es auf jeden Fall ganz nett aus. Die Marina ist nagelneu und sehr schön. Allerdings mit 20 GBP wie überall in England ein wenig teuer. Sie wird durch eine doppelte Schleusenanlage, die mit Schwimmstegen für Yachten wirklich optimal ist, tidenfrei gehalten. Als die Schleusung beginnt, staunen wir nicht schlecht: Sie haben hier Tore in Viertelkreis-Form, die einfach um eine Achse in der Mauer drehen und diese Tür wird nun einfach geöffnet. So schießt in der Mitte des Beckens ein dicker Wasserstrahl herein und bei steigendem Wasserspiegel wird der Spalt immer breiter gemacht, bis etwa einen halben Meter Breite!
Abends gehen wir in die Hafenkneipe, um uns ein wenig an die Briten zu gewöhnen. Das wird uns aber nicht besonders leicht gemacht, denn am Nebentisch sitzen schon sechs Frauen verschiedensten Alters (25-50), und die sind verdammt britisch. Sie tragen die engsten, pinken Klamotten, saufen wie die Löcher und rülpsen, daß uns der Appetit vergeht. Wir halten uns alle ganz brav an Tee und Cappucino, während es draußen gewittert und in Strömen gießt. Danach zieht es uns relativ früh in die Kojen, der Tag war anstrengend.

Fotos:

Der Bug des Evergreen-Frachters passiert uns mit 100 m Abstand. Michi baut langsam ab und wird warm verpackt. Der Spaß hört langsam auf. Ab hier ist alles relativ, wir haben die Schleuse erreicht!