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Englandtörn 2000

22./23. Tag
24.-25.09.00
Dover-Scheveningen
S 3-4
2/8
18C
137,2 sm
26,0 h

Wieder mal geht der Wecker früh und unangenehm. Wir stehen aber relativ diszipliniert auf, denn heute wollen wir wieder eine weite Strecke schaffen: Wir wollen nach Scheveningen.
Nach dem Frühstück ziehen wir Andreas in den Mast, um alle Umlenkrollen mit Teflonspray zu schmieren. Dabei entdeckt er, daß die Dirk beinahe durch ist. 6 Kardelen sind schon gebrochen. Danach setzen wir kurz zum Bunkerboot über, daß uns extrem billigen Diesel verkauft.
Dover Port Control schickt uns zu unserem Erstaunen durch den Vorhafen zum Osteingang. Wir versuchen zu segeln, aber die Wellen sind im Verhältnis zum Wind so hoch, daß die Segel nutzlos herumschlagen. Also motoren wir erst mal unter Segeln weiter. Nebenher bekommen wir noch eine super Show von der britischen Seerettung geboten: Sie üben das Aufnehmen von Personen mit dem Hubschrauber aus dem Wasser und vom Lifeboat bei voller Fahrt. Spektakulär!!!
Vor der P&O-Fähre Kent weichen wir aus, wofür sie sich per Funk bedankt, und nehmen Kurs auf das Feuerschiff South Goodwin. Dann geht es im rechten Winkel über das TSS, wobei wir diesmal keinen großen Frachtern zu nahe kommen. Ich liege gerade unten und schlafe, da werde ich vom Lärm des Segelsetzens geweckt. Plötzlich ist Wind aufgekommen und sogar so viel, daß wir einmal reffen müssen. So schießen wir jetzt mit knapp 8 kn auf die andere Seite des TSS, wonach wir abfallen können und die Fock bergen. Vor dem Wind macht sie eh nur Scherereien.
Nun wird das Segeln angenehm, denn es bläst genug Wind, daß wir 7 kn Fahrt machen, aber an Bord weht kaum ein Lüftchen und die Wellen von achtern lassen alles sehr ruhig erscheinen. Wir krängen nur dauernd um plusminus 10 Grad und wenn man schlafen will, ist das sehr ätzend.
Als ich auf meiner Wache am Segel hoch blicke, entdecke ich das, wovor ich seit Enkhuizen Angst hatte: Einen Riß. Er ist aber zum Glück noch sehr klein (kaum 5 cm lang), aber für eine Nachtfahrt trotzdem alles andere als angenehm. Alle zusammen bergen wir also das Groß und setzen die Fock, die uns mit müden 3 kn durch die Wellen schaukeln läßt. Da es dabei anfängt zu regnen ist alles klitschnaß, so daß Segeltape unbrauchbar wäre. Also nähen wir den Riß und lassen das Segel zum trocknen liegen.
Inzwischen hat es aufgeklart, und die Abendsonne und der Wind erledigen dies schnell, so daß wir noch ein Tape zur Sicherheit darüber kleben können. Danach fange ich mit Steffi und Andreas an zu kochen. Zuerst den Nachtisch, Applecrumble, der eine Stunde in den Ofen muß, und dann Nudeln mit Champignonrahmsauce und frischen Kräutern. So haben wir ein wirklich edles Mahl, als der SeaCat Rapide ein letztes Mal an uns lang zieht und die Sonne hinter uns unter geht.
Nach dem Spülen setzen wir wieder das Groß und bergen die Fock, dann geht die Freiwache schlafen... Zumindest hatten wir das vor. Das Gerolle macht es aber fast unmöglich, und so schlummert jeder eher nur in kurzen Phasen vor sich hin. Das Wache gehen ist dagegen fast eine Erlösung, da man dann was zu tun hat und das Meeresleuchten und die Sterne genießen kann. Außerdem ist die Sicht unglaublich gut und wir sehen sehr viele Schiffe um uns herum. Die meisten liegen vor den großen Häfen wie Zeebrugge und Rotterdam vor Reede.
Ab Mitternacht fing es langsam an zu zu ziehen und als ich, vollkommen unausgeschlafen, meine Wache anfange, wütet im Westen von uns ein enormes Gewitter. Bei uns ist es allerdings ruhig, und so kann ich relativ entspannt die Blitze (manchmal 6 auf einmal) und das Donnern beobachten. Dabei fahren wir mitten durch die Reede von Rotterdam, knapp an Gastankern und Bulkern entlang, die hell erleuchtet sind. Nach den zwei Stunden bin ich dann vollkommen fertig und werde von Steffi abgelöst. Da wir gerade auf das TSS Wandelaar von Zeebrugge zulaufen, bleibe ich noch standby, aber als wir rüber gehen ist gerade kein Frachter in der Nähe. Dann kann ich endlich in die Koje fallen und schlafe sofort ein.
Ein lauter Knall reißt mich aber kurz danach aus dem Schlaf und gleichzeitig mit Andreas stürme ich zum Niedergang. Steffi sitzt ganz erschrocken am Rad und meint, es wären gleich mehrere Blitze von hinten über die Skua und vor uns ins Meer eingeschlagen. Da hört der Spaß doch wirklich auf. Ein Ausläufer der Gewitters hat uns gerade noch erreicht. Wir nehmen Kurs auf das Slijkgat, das uns in den Haringvliet bringen könnte. Bis dahin sind es aber noch 11 sm. Also setzen wir die Fock und brettern mit 8 kn los. Es fängt an zu gießen, doch es blitzt zum Glück nicht mehr. Da sich die Situation zu entspannen scheint, legen Andreas und ich uns in voller Montur unten rein und schlafen sofort.
Als ich aufwache hat Andreas seine 8-Uhr Wache übernommen und die Sonne scheint. Also gehen wir wieder vor den Wind und bergen die Fock. Nach einem kurzen Nickerchen treibt mich das schöne Wetter wieder raus. Wir wollten ja Makrelen für unsere Eltern fangen und wer weiß, ob es hier überhaupt noch so viele zuverlässige Beißer gibt. Mit einem Nutellabrot in der einen Hand werfen Andreas und ich die Angel aus und fangen so nach und nach drei Makrelen. Die letzte ist dabei ein wirklicher Riesenbrummer von gut 45 cm Länge. Danach passiert erst mal lange nichts. Der Wind ist stärker geworden und unsere 6 kn sind einfach zu viel zum angeln. Also binden wir das zweite Reff ein und zuckeln mit knapp 5 kn weiter. Kurze Zeit später schwimmt das Brettchen wieder auf. Beim Einholen fällt uns schon auf, daß der Fisch irgendwie mit seiner Mitte am Haken hängt und wild herumgeschleudert wird. Als er dann in der Plicht liegt, können wir ihn endlich bestimmen, da es keine Makrele, sondern ein Hornhecht ist. Er ist lang wie ein Aal, hat aber eine richtige Schwanzflosse und ein ganz langes, schmales und schnabelartiges Maul. Der Haken hat sich in seinem Rücken verfangen (zufällig?) und sitzt tief im Fleisch. Wir trennen ihn heraus, aber wahrscheinlich überlebt er es nicht. Gemäß unseres Buches soll Hornhecht nicht gut zu essen sein , also versuchen wir ihn zu töten, was aber wegen der komischen Form nicht gelingt und werfen ihn wieder ins Wasser.
Dieses Erlebnis hat uns die Lust aufs Angeln ziemlich verdorben, und so werfen wir etwas unsicher die Blinker noch mal aus. Es tut sich aber erst mal nichts mehr und wir können uns auf die Überquerung des Maasmond konzentrieren. Da diesmal kaum Frachtschiffe unterwegs sind, kommen wir problemlos rüber. Danach fangen wir noch eine vierte Makrele und einen Hering. Da schon wieder ein anderer Fisch als eine Makrele am Haken hängt, beschließen wir auf zu hören. Wer weiß, was wir sonst noch alles sinnlos gequält hätten.
Mittags nach 26 h Fahrzeit laufen wir in Scheveningen ein. Ich rufe sofort meine Eltern an, die nach einer Stunde lang kommen, um die Fische abzuholen und Kuchen mitbringen. Außerdem hat mein Vater inzwischen das Modellsegelboot Antiope fertig und mitgebracht. Trotz des relativ starken Windes segelt sie sehr gut, und wir lassen sie kreuz und quer durchs Hafenbecken fahren. Als wenn wir nicht genug gesegelt hätten :o).
Nachdem meine Eltern wieder weg sind, machen wir uns auf in die Stadt zum Sightseeing. Andreas und mir wird ganz warm ums Herz, als wir an unserer Schule lang laufen und durchs Den Haager Zentrum gehen. Lauter alte Erinnerungen aus der Schulzeit werden wach, und wir wundern uns über die vielen Veränderungen. Nach einem echt niederländischen Abendessen (Pommes mit Mayo und Frikandel special) fahren wir mit der Straßenbahn zum Kurhaus und bummeln kurz die Promenade entlang, bevor wir uns in eine Strandkneipe setzen, um was zu trinken. Dabei schlafe ich aber schon ein, und wir gehen zur Skua zurück. Ich bin einfach zu fertig, um noch einen Kneipenabend durch zu stehen. Während die anderen noch in der Plicht quatschen, falle ich in einen tiefen und langersehnten Schlaf.

Fotos:

Weiter geht's bei herrlichem Sonnenschein. Nachtisch für das Abendessen: Applecrumble. Frühstücken und Fische ausnehmen am nächsten Morgen. Das Modell Antiope im Hafen von Scheveningen